Hier findet sich der Haupttext, „Die Philosophie der Tierrechte“.
Hier findet sich ein Vorwort von David Sztybel.
Und hier findet sich ein zweites Vorwort, von Marly Winckler.
Nachwort
Tierrechte
Für
mich persönlich ist Regans auf Rechten basierender Ansatz sehr wichtig.
Sowohl moralische Rechte (Ideen) als auch gesetzlich festgeschriebene Rechte
(Gesetze) errichten einen schützenden Zaun um jedes Individuum. Anderen ist es
verboten, diesen Zaun einzureißen – unabhängig davon, was derjenige oder diejenige
getan hat (wie es Regan in seinem Buch Empty Cages beschreibt). Man
stelle sich den grauenvollsten Menschen vor, den man sich vorstellen kann (z.
B. Hitler). Es wäre verboten – durch die Menschenrechte – ihn zu töten. Er
müsste natürlich für den Rest seines Lebens inhaftiert werden, um andere zu
schützen. Die Idee der Menschenrechte – nach dem Zweiten Weltkrieg fest
verankert, zumindest theoretisch, aber oft auch in der Praxis – ist grundlegend
wichtig für das Überleben der modernen Zivilisation. Unter Zivilisation
verstehe ich hier friedliches Zusammenleben und demokratische Werte:
Diskussionen, ja; Meinungsverschiedenheiten, ja; Entführung, Folter, Sklaverei,
Lynchjustiz, politische Morde, Hinrichtungen – all das: nein.
Die
Idee der Tierrechte
– in dem Sinne, dass sie jegliches Schlachten ablehnt und
Vegetarismus fordert, nicht nur aus persönlichem Mitgefühl, sondern als
politische Forderung – baut auf dem Fundament der Menschenrechte auf. Per definitionem
schließen Tierrechte Menschenrechte mit ein.
Es gibt
weitere verwandte Ideen, die Respekt gegenüber Tieren und Vegetarismus fordern.
Ich persönlich finde diese weniger nützlich. Der Begriff „Tierbefreiung“ (bzw. animal
liberation) soll bedeuten, dass wir Tierunterdrückung und Tierausbeutung
ablehnen – nicht, dass wir (wie ein Freund von mir ganz entsetzt vermutete)
vorschlagen würden, einfach alle Käfige in den Zoos zu öffnen und zuzusehen,
wie Tiger und Krokodile alle umbringen. „Tierbefreiung“ ist eine Idee der
gesellschaftlichen Veränderung.
Erwähnenswert ist, dass Peter Singers utilitaristischer Ansatz, wie er ihn in seinem Buch „Die Befreiung der Tiere“ (Animal Liberation) darstellt, bestimmte Formen der Tierausbeutung erlaubt, sofern sie für viele andere (Menschen und/oder Tiere) nützlich sind. Dies lässt sich mit Tierrechten nicht vereinbaren. Ähnlich verhält es sich mit der Idee, den „Speziesismus“ – die Diskriminierung von Tieren – abzulehnen, weil er ungerecht ist: Das ist logisch. Aber es nützt nichts, wenn wir alle schlecht behandeln, wenn niemand Rechte hat.
Eine Reise ins Unbekannte?
Wer
Regans Argumente überzeugend findet und sich entschieden hat, Tierrechte zu
unterstützen, dem legt der nächste logische Schritt nahe, Vegetarier – oder
eigentlich vegan – zu werden. Als Vegetarier und Befürworter von Tierrechten bewegen
wir uns in interessantem Terrain. Der Boden ist belastbar. Wir können
zuversichtlich sein, dass vegetarische und vegane Ernährungsweisen gesundheitsfördernd
und sicher sein können. Aber wir bewegen uns am Rande der gut erforschten
Gebiete und wir begeben uns bisweilen in unbekanntes Neuland. Ein vegetarisches
– geschweige denn veganes – Land auf der Welt existiert noch nicht. Tierrechte
sind moralisch überzeugend (für viele). Sie sind auch rechtlich möglich, aber
nur, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung uns zustimmen würde. Es ist also die
Rede von einer realisierbaren Utopie: Wir wissen, wie man sie verwirklichen
könnte, aber es ist ein äußerst ambitionierter Plan.
Um zu
verändern, wohin wir gehen könnten, müssen wir erkennen, wo wir jetzt sind. Es
ist, als würden wir in ein unbekanntes Gebiet vordringen – oder in einen
metaphorischen „Dschungel“. Das könnte gefährlich sein. Warum? Weil
gesellschaftlicher Wandel Gefahren und unbeabsichtigte Folgen mit sich bringt.
Das ist kein Problem, das ausschließlich die vegane Bewegung oder die Tierrechtsbewegung
betrifft. Es ist eine tragische Lektion, die uns der politische Kampf für
Bürgerrechte und Frauenrechte lehrt. Die Tierrechtsbewegung ist allerdings
besonders. Abgesehen von bestimmten Religionen mit bestimmten Vorschriften, die
die Lebensmittelauswahl betreffen, ist sie die erste soziale Bewegung, die
fordert, dass wir unsere Ernährung ändern. Wichtig dabei: Seit vielen
Jahrzehnten haben sich bereits Millionen von Menschen in dieses „unbekannte“
vegane Gebiet vorgewagt. Darüber hinaus hat sich das vegane Terrain ausgedehnt
und dringt zunehmend in ehemals komplette omnivore Gefilde vor.
Dennoch
wurden viele Fehler gemacht und viele Lektionen gelernt. Warum nutzen wir dieses
„Insider-Wissen“ nicht einfach und machen unsere Reise somit angenehmer? Es
heißt – und ich stimme dem zu – dass es vor allem zwei Bereiche gibt, in denen
es oft zu Problemen kommt: (1) kritische Nährstoffe und (2) Sozialleben.
(1) Kritische Nährstoffe
Die
frühesten Bücher, die die Ideen der Tierrechte und des Vegetarismus miteinander
verbanden, stammen aus dem späten 19. Jahrhundert – allen voran Henry Salts
Buch Animals’ Rights von 1892. Damals war die Ernährungswissenschaft
noch kaum geboren. Die Vitamine, die für den Menschen essenziell sind, wurden
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entdeckt. Die erste Organisation, die
sich selbst als vegan bezeichnete, die Vegan Society in England, wurde
1944 gegründet. Das letzte Vitamin, das entdeckt wurde – Vitamin B12 – wurde
etwa vier Jahre danach isoliert. Viele Ernährungsvorstellungen aus der
klassischen vegetarischen Literatur des 19. Jahrhunderts werden bis heute in
der vegetarischen Bewegung weiter wiederholt.
Die
Ernährungswissenschaft hat inzwischen jedoch mehrere potenzielle Probleme und
ihre Lösungen aufgedeckt. Nutzen wir dieses Wissen.
Als
Ernährungswissenschaftler und langjähriger Veganer empfehle ich Folgendes.
Nennen wir sie die sechs
goldenen Regeln der veganen Ernährung:
- Statt Tierprodukten am besten Hülsenfrüchte und aus diesen hergestellte Lebensmittel (z. B. Tofu, Sojamilch)
verzehren.
- Hülsenfrüchte sind eine hervorragende
Quelle für Protein, Eisen und Zink.
- Ein Vitamin-B12-Supplement
einnehmen – es sei denn, man verzehrt mehr oder weniger täglich mit Vitamin
B12 angereicherte Lebensmittel.
- ca. 10–50 µg Vitamin B12 pro
Tag ODER etwa 2000 µg einmal pro Woche
- Ausreichend Vitamin D über ein Supplement (ca. 20–25 µg pro Tag) oder über
Sonnenbestrahlung (in Deutschland nur im Sommerhalbjahr möglich) aufnehmen.
- Ausreichend Jod
über jodiertes Speisesalz, Algen (z. B. Nori, Wakame) oder ein Supplement
(100–150 µg pro Tag) aufnehmen.
- Regelmäßig eine gute Quelle für Omega-3-Fettsäuren zu sich nehmen, z. B. Leinöl, Rapsöl, gemahlene Leinsamen, Walnüsse
oder Hanfsamen.
- Täglich kalziumreiche Lebensmittel verzehren,
z. B. mit Kalzium angereicherte Lebensmittel, Chinakohl, Pak Choi oder
Brokkoli.
Anmerkungen:
- Ein veganes Multinährstoff-Supplement
kann praktisch sein, da es Vitamin B12, Vitamin D und Jod liefert.
- Vitamin B12 ist der wichtigste Aspekt.
Die meisten Ovo-Lacto-Vegetarier sollten ebenfalls ein Vitamin B12-Supplement
einnehmen.
- Eine gesunde Ernährung beinhaltet viel
Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse bzw. Samenkerne und
gesunde pflanzliche Öle.
- Weitere Informationen findet man
(z. B.) unter ivu.org oder vegansociety.com.
(2) Sozialleben
Als
Donald Watson – der Mann, der das Wort „vegan“ prägte – gefragt wurde: „Was
finden Sie an der veganen Lebensweise am schwierigsten?“, antwortete er: „Nun,
ich würde sagen, es ist der soziale Aspekt.“
Wer
Vegetarier – und besonders Veganer – wird, stößt möglicherweise auf „Probleme“ sowohl
mit Omnivoren als auch mit Veganern. Manche Omnivoren verhalten sich
unterstützend. Andere jedoch reagieren möglicherweise verärgert, beleidigt, oder
irritiert oder sie fühlen sich angegriffen. Manche versuchen vielleicht, jedes
kleine gesundheitliche Problem, das sich bei dir zeigt, auf die vegane
Ernährung zu schieben.
Schon
1944 schrieb Donald Watson: „Sollte sich jemals auch nur ein Pickel zeigen, der
die Schönheit unserer körperlichen Form verunziert, dann können wir sicher
sein, dass dies in den Augen der Welt vollkommen auf unsere eigene Dummheit
zurückgeführt werden kann, weil wir kein ‚richtiges Essen‘ essen.“
Andere
Vegetarier, Veganer und Unterstützer von Tierrechten zu treffen kann sehr hilfreich
sein. Sie können Tipps geben, moralische Unterstützung bieten und es sind oft wundervolle
Menschen. Es handelt sich hier jedoch um einer äußerst diverse Gruppe von Menschen.
Es ist wahrscheinlich, dass man Veganer kennenlernen wird und einige ihrer
Ansichten oder Charaktereigenschaften äußerst „interessant“ (wie man in England
sagt) oder „grauenhaft“ (wie man in Deutschland sagt) finden wird.
Menschen
sind bekanntermaßen schwierig. Vegetarier, Veganer oder Tierrechtsbefürworter
zu sein kann das Leben noch schwieriger machen. Wenn man aber ein paar grundlegende
„Regeln“ befolgt, kann das einem das Leben
erleichtern. Nennen wir die folgenden Tipps die vier goldenen Regeln, um nicht verrückt zu werden:
- Nicht predigen. Millionen von
Veganern haben es versucht und sind gescheitert. Lieber „mit gutem
Beispiel voran gehen“, versuchen ein „glücklicher Veganer“ zu sein, und
sich in „angenehmem Aktivismus“ zu versuchen. „Aufdringlichen Aktivismus“
besser vermeiden.
- Seine eigenen Grenzen kennen. Darauf
bestehen, dass man selber respektiert wird. Unterschiede gegenseitig tolerieren.
Man würde es nicht „Toleranz“ nennen, wenn es einfach wäre.
- Andere Vegetarier und Veganer
treffen – sie können einem oft weiterhelfen. Dabei aber nicht erwarten,
dass diese Leute perfekt sind oder wie ein „Lampengeist“ aus Aladins
Wunderlampe alle Probleme lösen können.
- Auf die eigene Gesundheit achten. Nicht
fanatisch sein. Nichts im Leben ist zu 100 % konsequent.
Was lässt sich nun also schlussfolgern?
Was die
Ernährung und Nährstoffversorgung anbelangt, können vegane Ernährungsweisen
sehr gesund sein – natürlich ist eine vegane Ernährung aber nicht automatisch
gesund. Die entscheidenden Faktoren sind die ausreichende Zufuhr der potenziell
kritischen Nährstoffe, insbesondere Vitamin B12, und idealerweise eine
Ernährung, die weitgehend auf „vollwertigen“ Lebensmitteln basiert. Eine
jahrhundertealte Frage, die bisweilen immer noch gestellt wird ist: „Sind
Menschen von der Anatomie her Omnivoren?“ Aus der Sicht der heutigen Ernährungsepidemiologie
– also der Erforschung von Ernährungszusammenhängen in Humanstudien – ist das
jedoch gar keine relevante Frage. Diese Frage ist außerdem stark vereinfacht.
Die relevante Frage, die wir stellen sollten, ist: Was zeigen Studien mit
Veganern? Sie zeigen, dass vegane Ernährungsweisen sehr gesund sein können.
Was den
sozialen Aspekt betrifft: Noch nie in der Geschichte der Menschheit war es
einfacher, bequemer und gesellschaftlich akzeptierter, vegan zu sein. Meiner Ansicht
nach kann es strategisch sinnvoll sein, ein „ethisches Paradoxon“ zu für sich
aufzustellen: einerseits Tierrechte einzufordern, zu erkennen, dass Tierrechte
Vegetarismus verlangen und dass konsequenter Vegetarismus Veganismus bedeutet –
und gleichzeitig die Ansicht zu vertreten, dass jeder Mensch das Recht hat,
seine eigene Ernährung zu wählen. Logisch betrachtet kann das inkonsequent
erscheinen. Es kann einem so vorkommen, als ob man auf der einen Seite die politische
Forderung nach Tierrechten postuliert, aber dabei gleichzeitig ganz großzügig
die Verletzung eben dieser Rechte toleriert. Aber es ist eine Strategie,
die Omnivoren helfen kann, deine Ansichten zu „tolerieren“, was dein Leben
leichter macht und dabei helfen kann – um es frei nach Colleen Patrick Goudreau
auszudrücken – ein „glücklicher Veganer“ (joyful vegan) zu sein. Diese
Strategie kann auch Tieren helfen, weil sie Brücken in Richtung der Tierrechte
baut anstatt Mauern zu errichten.
Meiner
persönlichen Ansicht nach ist das ein guter Ansatz. Vorgehensweisen, die sektiererisch,
selbstaufopfernd oder selbstquälerisch sind, in Arbeitssucht ausarten oder einem
Märtyrertod entgegeneifern, finde ich nicht so gut. Um es mit Mephistopheles aus
Goethes Faust (aus dem frühen 19. Jahrhundert) zu sagen: „Nur muß man ſich nicht allzu aͤngſtlich quaͤlen“. Und das ist sagt Mephistopheles, der da spricht – eine Art von Teufel
und nihilistischer Geist. Wer keine Teufel mag, der halte sich doch an Donald
Watson. Als er im Alter von 94 Jahren gefragt wurde, was er als seine eigenen Errungenschaften
ansehe, sagte er: „Hedonist zu sein, vorausgesetzt ich schade mir selbst,
anderen Menschen, Tieren oder dem Planeten nicht.“
Dr. Christian Koeder
Ellwangen, Deutschland
Februar 2026