Hier findet sich der Haupttext, „Die Philosophie der Tierrechte“.
Hier findet sich ein weiteres Vorwort, von Marly Winckler.
Vorwort
Ich bin seit etwa 37 Jahren veganer
Tierrechtsaktivist. Ich hatte das Glück, dass mein Universitätsstudium eine
Auseinandersetzung mit Tom Regans Werk umfasste. Letzteres wurde in meiner
Doktorarbeit „Empathy and Rationality in Ethics“ (an der Universität
Toronto ) eingehend untersucht. Ich hatte das Privileg, Professor Regan
auf zahlreichen Konferenzen sprechen zu hören. Wie auch durch seine
Publikationen bekam ich dort den unverkennbaren Eindruck, von einem wirklich
großen Denker zu lernen. Die hervorragende Qualität des Schreibstils in dieser
Broschüre findet man in seinen zahlreichen philosophischen Büchern. Das
Klassikwerk im Zentrum von Regans Werk ist The Case for Animal Rights.
Ich verehre seine Werke, hinterfrage sie aber auch, ganz in der klassischen
philosophischen Tradition.
Das erwähnte Buch bewegt sich in der Tradition
individueller Rechte, bricht jedoch mit der alten kulturellen Gewohnheit,
Rechte auf ernsthafte Weise nur in Bezug auf Menschen in Betracht zu
ziehen. Dennoch kann niemand, der Tiere ernst nimmt, die tiefgehende Wichtigkeit
in Regans Ideen individueller Rechte übersehen, die in dieser Broschüre zum
Ausdruck kommen. Das Leben der Tiere ist denselben wichtig, unabhängig von
ihrem Nutzwert für Menschen, sagt Regan. Tiere haben einen eigenständigen
Wert, so wird uns versichert. Sie sind keine bloßen Werkzeuge oder
Ressourcen. Was mit Tieren geschieht, ist für sie von Bedeutung,
wie Dr. Regan beobachtet. Außerdem hat jedes Tier gleichermaßen ein
Leben, das für dieses Tiere besser oder schlechter verlaufen kann, und es verdient
daher gleiche Rechte. Regan schlägt daher vor,
Gerechtigkeitsprinzipien auf Tiere auszuweiten und ihnen das grundlegende Recht
auf Respekt zu gewähren – aus dem alle anderen Rechte erwachsen. Dieser Fokus
auf individuelle Rechte ist nach wie vor bahnbrechend,
ungeschmälert durch die Verachtung selbst gegenüber Menschenrechten,
die heute zu einer immer stärkeren Kraft im globalen Geschehen wird.
Neben den individuellen Rechten für Tiere, die
Regan eindrucksvoll und wirkungsvoll verteidigt, enthält seine Broschüre, was
ich als „echoables“ bezeichne, das heißt, Ideen und Themen, die bei Menschen Anklang
finden, die Rechte und Respekt ernst nehmen. Es sind Punkte, auf die Regan
eingeht und die wohl bei allen auf Widerhall treffen sollten. Frauen und Menschen
mit dunkler Hautfarbe existieren nicht, um anderen zu dienen – und Tiere tun
das auch nicht. Kein Mensch mit Grundsätzen findet „willkürliche
Diskriminierung“, ungerechte Vorurteile oder Egoismus akzeptabel. Diese Töne
schlagen bei all jenen Menschen einen gemeinsamen Akkord an, die in diesen
düsteren Zeiten nach Regans Tod im Jahr 2017 begreifen, dass wir kein
Recht haben, das Konzept von Rechten aufzugeben. Wenn die Welt grausam wird,
muss unsere moralische Entschlossenheit gleichermaßen stark werden. Dr. Regan
würde dem zustimmen.
Dennoch muss man, auch wenn Regan eine Broschüre
mit dem Titel „Die Philosophie der Tierrechte“ schrieb, nicht einfach
davon ausgehen, dass Regans Werk in jeder Hinsicht und für alle Zeiten vollkommen
und zweckdienlich ist. Grundlegende moralische Fragen bestehen weiterhin. Regan
hätte Schwedens Tierschutzgesetz von 1988 nicht unterstützt, das unter anderem
wichtige Fortschritte gegen die Massentierhaltung von Schweinen einzuleiten
versuchte. Weibliche Schweine wurden bereits vorher nicht mehr zur
Zwangssäugung eingesperrt gewesen. Mit dem neuen Gesetz wurde Schweinen jedoch
generell Bewegungsfreiheit statt enger Buchten rechtlich zuerkannt, ebenfalls Zugang
zu Stroh und anderem Einstreumaterial, Gruppenhaltung anstelle von Trennung und
Isolierung dieser hochsozialen Tiere sowie das Ende des Schwanzkupierens und
Zähneabschneidens, wenngleich die Kastration also Praxis weiter bestehen blieb.
Trotzdem beseitigten diese Maßnahmen großes Leiden. Um es klarzustellen:
Schweden etablierte kein Verbot aller Formen der Massentierhaltung. Hätten man das
Leiden und den Tod dieser Tiere in Schweden zu jener Zeit und auf jene Weise
nicht angehen sollen, auch angesichts der echten Mängel dieses Gesetzes? Allgemein
gesprochen sterben Tiere in der Massentierhalting weitaus häufiger. Die
Sterblichkeitsraten [vor der Schlachtung] steigen oft auf bis zu 15 % an,
während die Profite dennoch maximiert werden. Wir können entschlossen bleiben,
Tierrechte Wirklickkeit werden zu lassen, wenn die Welt endlich bereit für
einen solchen Zustand ist. Heute ist so ein Ansatz wunderbar für die „in-animals“
[Tiere, die wir moralisch berücksichtigen] – diese haben Glück und ihnen geht
es gut, geschützt durch edle Tierrechtsideale in Aktivistenhaushalten und Tierasylen.
Es ist jedoch grauenhaft, wenn die „out-animals“ – die Pech haben – absoluten
Gewalttaten der Massentierhaltung erleiden.
Regan schreibt in dieser Broschüre über die
Bedeutung von Mitgefühl, Empathie und Anteilnahme. Doch The Case for
Animal Rights spiegelt eher den folgenden Satz wider, der ebenfalls in
der Broschüre selbst vorkommt: „Die Philosophie der Tierrechte verlangt
lediglich, dass wir den Regeln der Logik folgen.“ Regan betont in seinem
Hauptwerk nicht das Fürsorgen, wie viele Feministen
bemängeln. Nun könnte jemand ohne Weiteres zustimmen, dass Regan vollkommen
logisch in sich konsistent ist, während derselbe den Tieren
gegenüber praktisch keine Fürsorge empfindet. Das würde den Tieren so gut
wie nichts Hilfreiches zugutekommen lassen. Doch auch Fürsorge
birgt seine eigenen Probleme in der Ethik. Wenn man jemanden empathisch
„spiegelt“ – ein weit verbreitetes Konzept in der Fürsorge-Ethik – welchen Wert hat
das, wenn diese Person moralisch verdorben oder grausam ist? Rein logische
Ideen und rein mitleidvolle Gefühle führen beide zu moralischen Problemen.
Können wir es nicht besser machen, in einer einzigen, kohärenten Philosophie?
Und welche „Tiere“ zählen bei den Tierrechten?
Regan verdient hier viel Anerkennung. Es ist weise von ihm, dass er Rechte für
Hunde, nicht aber für Amöben zu befürwortet. Dennoch sollte auch
der Schmerz von Nacktschnecken berücksichtigt werden, wie er vorsichtig
andeutet. In seinem Buch arbeitet er sehr hart daran, seinen Standpunkt zu
rechtfertigen, welche Tiere moralisch zählen – „Subjekte eines Lebens“ nennt er
sie – wobei wichtige Fragen offen bleiben. Doch ist es in der Philosophie nicht
eine Binsenweisheit, festzustellen, dass es immer noch weitere wichtige Fragen
gibt, die gestellt und bedacht werden müssen? Forschen wir also weiter nach –
und idealerweise betrachten wir Tiere hierbei auf eine Art und Weise, die Regans
„Respektprinzip“ (wie er es treffend in The Case for Animal Rights nannte)
sehr ähnelt …
Dr. David Sztybel
Maberly, Ontario, Kanada
Januar 2026