Vorwort von David Sztybel zu Regans "Die Philosophie der Tierrechte"


Hier findet sich der Haupttext, Die Philosophie der Tierrechte.

Hier findet sich ein weiteres Vorwort, von Marly Winckler.


Vorwort

Ich bin seit etwa 37 Jahren veganer Tierrechtsaktivist. Ich hatte das Glück, dass mein Universitätsstudium eine Auseinandersetzung mit Tom Regans Werk umfasste. Letzteres wurde in meiner Doktorarbeit „Empathy and Rationality in Ethics“ (an der Universität Toronto ) eingehend untersucht. Ich hatte das Privileg, Professor Regan auf zahlreichen Konferenzen sprechen zu hören. Wie auch durch seine Publikationen bekam ich dort den unverkennbaren Eindruck, von einem wirklich großen Denker zu lernen. Die hervorragende Qualität des Schreibstils in dieser Broschüre findet man in seinen zahlreichen philosophischen Büchern. Das Klassikwerk im Zentrum von Regans Werk ist The Case for Animal Rights. Ich verehre seine Werke, hinterfrage sie aber auch, ganz in der klassischen philosophischen Tradition.

Das erwähnte Buch bewegt sich in der Tradition individueller Rechte, bricht jedoch mit der alten kulturellen Gewohnheit, Rechte auf ernsthafte Weise nur in Bezug auf Menschen in Betracht zu ziehen. Dennoch kann niemand, der Tiere ernst nimmt, die tiefgehende Wichtigkeit in Regans Ideen individueller Rechte übersehen, die in dieser Broschüre zum Ausdruck kommen. Das Leben der Tiere ist denselben wichtig, unabhängig von ihrem Nutzwert für Menschen, sagt Regan. Tiere haben einen eigenständigen Wert, so wird uns versichert. Sie sind keine bloßen Werkzeuge oder Ressourcen. Was mit Tieren geschieht, ist für sie von Bedeutung, wie Dr. Regan beobachtet. Außerdem hat jedes Tier gleichermaßen ein Leben, das für dieses Tiere besser oder schlechter verlaufen kann, und es verdient daher gleiche Rechte. Regan schlägt daher vor, Gerechtigkeitsprinzipien auf Tiere auszuweiten und ihnen das grundlegende Recht auf Respekt zu gewähren – aus dem alle anderen Rechte erwachsen. Dieser Fokus auf individuelle Rechte ist nach wie vor bahnbrechend, ungeschmälert durch die Verachtung selbst gegenüber Menschenrechten, die heute zu einer immer stärkeren Kraft im globalen Geschehen wird.

Neben den individuellen Rechten für Tiere, die Regan eindrucksvoll und wirkungsvoll verteidigt, enthält seine Broschüre, was ich als „echoables“ bezeichne, das heißt, Ideen und Themen, die bei Menschen Anklang finden, die Rechte und Respekt ernst nehmen. Es sind Punkte, auf die Regan eingeht und die wohl bei allen auf Widerhall treffen sollten. Frauen und Menschen mit dunkler Hautfarbe existieren nicht, um anderen zu dienen – und Tiere tun das auch nicht. Kein Mensch mit Grundsätzen findet „willkürliche Diskriminierung“, ungerechte Vorurteile oder Egoismus akzeptabel. Diese Töne schlagen bei all jenen Menschen einen gemeinsamen Akkord an, die in diesen düsteren Zeiten nach Regans Tod im Jahr 2017 begreifen, dass wir kein Recht haben, das Konzept von Rechten aufzugeben. Wenn die Welt grausam wird, muss unsere moralische Entschlossenheit gleichermaßen stark werden. Dr. Regan würde dem zustimmen.

Dennoch muss man, auch wenn Regan eine Broschüre mit dem Titel „Die Philosophie der Tierrechte“ schrieb, nicht einfach davon ausgehen, dass Regans Werk in jeder Hinsicht und für alle Zeiten vollkommen und zweckdienlich ist. Grundlegende moralische Fragen bestehen weiterhin. Regan hätte Schwedens Tierschutzgesetz von 1988 nicht unterstützt, das unter anderem wichtige Fortschritte gegen die Massentierhaltung von Schweinen einzuleiten versuchte. Weibliche Schweine wurden bereits vorher nicht mehr zur Zwangssäugung eingesperrt gewesen. Mit dem neuen Gesetz wurde Schweinen jedoch generell Bewegungsfreiheit statt enger Buchten rechtlich zuerkannt, ebenfalls Zugang zu Stroh und anderem Einstreumaterial, Gruppenhaltung anstelle von Trennung und Isolierung dieser hochsozialen Tiere sowie das Ende des Schwanzkupierens und Zähneabschneidens, wenngleich die Kastration also Praxis weiter bestehen blieb. Trotzdem beseitigten diese Maßnahmen großes Leiden. Um es klarzustellen: Schweden etablierte kein Verbot aller Formen der Massentierhaltung. Hätten man das Leiden und den Tod dieser Tiere in Schweden zu jener Zeit und auf jene Weise nicht angehen sollen, auch angesichts der echten Mängel dieses Gesetzes? Allgemein gesprochen sterben Tiere in der Massentierhalting weitaus häufiger. Die Sterblichkeitsraten [vor der Schlachtung] steigen oft auf bis zu 15 % an, während die Profite dennoch maximiert werden. Wir können entschlossen bleiben, Tierrechte Wirklickkeit werden zu lassen, wenn die Welt endlich bereit für einen solchen Zustand ist. Heute ist so ein Ansatz wunderbar für die „in-animals“ [Tiere, die wir moralisch berücksichtigen] – diese haben Glück und ihnen geht es gut, geschützt durch edle Tierrechtsideale in Aktivistenhaushalten und Tierasylen. Es ist jedoch grauenhaft, wenn die „out-animals“ – die Pech haben – absoluten Gewalttaten der Massentierhaltung erleiden.

Regan schreibt in dieser Broschüre über die Bedeutung von Mitgefühl, Empathie und Anteilnahme. Doch The Case for Animal Rights spiegelt eher den folgenden Satz wider, der ebenfalls in der Broschüre selbst vorkommt: „Die Philosophie der Tierrechte verlangt lediglich, dass wir den Regeln der Logik folgen.“ Regan betont in seinem Hauptwerk nicht das Fürsorgen, wie viele Feministen bemängeln. Nun könnte jemand ohne Weiteres zustimmen, dass Regan vollkommen logisch in sich konsistent ist, während derselbe den Tieren gegenüber praktisch keine Fürsorge empfindet. Das würde den Tieren so gut wie nichts Hilfreiches zugutekommen lassen. Doch auch Fürsorge birgt seine eigenen Probleme in der Ethik. Wenn man jemanden empathisch „spiegelt“ – ein weit verbreitetes Konzept in der Fürsorge-Ethik – welchen Wert hat das, wenn diese Person moralisch verdorben oder grausam ist? Rein logische Ideen und rein mitleidvolle Gefühle führen beide zu moralischen Problemen. Können wir es nicht besser machen, in einer einzigen, kohärenten Philosophie?

Und welche „Tiere“ zählen bei den Tierrechten? Regan verdient hier viel Anerkennung. Es ist weise von ihm, dass er Rechte für Hunde, nicht aber für Amöben zu befürwortet. Dennoch sollte auch der Schmerz von Nacktschnecken berücksichtigt werden, wie er vorsichtig andeutet. In seinem Buch arbeitet er sehr hart daran, seinen Standpunkt zu rechtfertigen, welche Tiere moralisch zählen – „Subjekte eines Lebens“ nennt er sie – wobei wichtige Fragen offen bleiben. Doch ist es in der Philosophie nicht eine Binsenweisheit, festzustellen, dass es immer noch weitere wichtige Fragen gibt, die gestellt und bedacht werden müssen? Forschen wir also weiter nach – und idealerweise betrachten wir Tiere hierbei auf eine Art und Weise, die Regans „Respektprinzip“ (wie er es treffend in The Case for Animal Rights nannte) sehr ähnelt …

Dr. David Sztybel

Maberly, Ontario, Kanada

Januar 2026