In seinem Werk "Die Metaphysik der Sitten" schreibt Immanuel Kant, dass der Mensch gegenüber (nicht-menschlichen) Tieren moralische Pflichten habe, aber nur indirekte. Das wird oft so gedeutet, dass Kant davon ausging, dass Tiere nicht direkt, um ihrer selbst willen, moralisch berücksichtigt werden müssen. Ein Aspekt hiervon ist, laut Kant, dass gewalttätiges Verhalten gegen Tiere zu einer Art von Verrohung der Menschen führe, die gegen die Tiere Gewalt ausübend.
Das ist nichts Neues und wurde, spätestens seit Leonard Nelson vor 100 Jahren, schon von jedem Tierrechtsphilosophen kritisiert. Diese Kritik wurde jedoch ebenfalls, unter anderem als Misinterpretation Kants, kritisiert (Müller et al. 2022, Baranzke & Ingensiep 2023) - siehe unten:
"[...] even animal ethicists who are
regarded as Kantian deontologists, such as the animal rights philosopher Tom
Regan or Christine Korsgaard, incorrectly doubt that Kant has forbidden cruelty
to animals for the sake of themselves. [...]
[...]
[...] Kant subsumed the prohibition of cruelty to animals under the duty class of ‘perfect duties to oneself’ and not ‘directly’ to animals, because non-rational beings cannot be
assumed as capable of being obligated [...]. Therefore,
he based his prohibition of cruelty to animals on the ethical possibility that
a human moral agent can oblige himself, with regard to sentient animals, to
refrain from causing unnecessary pain. That means: Kant has forbidden cruelty to
animals for the sake of the individual sentient animal, because it is the one
who suffers pain." (Baranzke & Ingensiep 2023)
Untenstehend auf jeden Fall das Originalzitat, allerdings in modernem Deutsch. Kant schrieb noch von "Thieren", "Tödtung" und "Speculation" (siehe Fotos des Originaltexts unten).
"
§ 17.
In Ansehung des Schönen obgleich Leblosen in der Natur ist ein Hang zum bloßen Zerstören (spiritus destructionis) der Pflicht des Menschen gegen sich selbst zuwider; weil es dasjenige Gefühl im Menschen schwächt oder vertilgt, was zwar nicht für sich allein schon moralisch ist, aber doch diejenige Stimmung der Sinnlichkeit, welche die Moralität sehr befördert, wenigstens dazu vorbereitet, nämlich etwas auch ohne Absicht auf Nutzen zu lieben (z. B. die schöne Kristallisationen, das unbeschreiblich Schöne des Gewächsreichs).In Ansehung des lebenden, obgleich vernunftlosen Teils der Geschöpfe ist die Pflicht der Enthaltung von gewaltsamer und zugleich grausamer Behandlung der Tiere der Pflicht des Menschen gegen sich selbst weit inniglicher entgegengesetzt, weil dadurch das Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abgestumpft und dadurch eine der Moralität, im Verhältnisse zu anderen Menschen, sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird; obgleich ihre behende (ohne Qual verrichtete) Tötung, oder auch ihre, nur nicht bis über Vermögen angestrengte, Arbeit (dergleichen auch wohl Menschen sich gefallen lassen müssen) unter die Befugnisse des Menschen gehören; da hingegen die martervolle physische Versuche, zum bloßen Behuf der Spekulation, wenn auch ohne sie der Zweck erreicht werden könnte, zu verabscheuen sind. – Selbst Dankbarkeit für lang geleistete Dienste eines alten Pferdes oder Hundes (gleich als ob sie Hausgenossen wären) gehört indirekt zur Pflicht des Menschen, nämlich in Ansehung dieser Tiere, direkt aber betrachtet ist sie immer nur Pflicht des Menschen gegen sich selbst."
Episodischer Abschnitt. Von der Amphibolie der moralischen Reflexionsbegriffe

