Kant und die indirekten Pflichten gegenüber Tieren

Updated 10 March 2026

In seinem Werk "Die Metaphysik der Sitten" (1797) schreibt Immanuel Kant, dass der Mensch gegenüber (nicht-menschlichen) Tieren moralische Pflichten habe, aber nur indirekte. Das wird oft so gedeutet, dass Kant davon ausging, dass Tiere nicht direkt, um ihrer selbst willen, moralisch berücksichtigt werden müssen. Ein Aspekt hiervon ist, laut Kant, dass gewalttätiges Verhalten gegen Tiere zu einer Art von Verrohung der Menschen führe, die gegen die Tiere Gewalt ausübend.  

Das ist nichts Neues und wurde, spätestens seit Leonard Nelson vor 100 Jahren, schon von jedem Tierrechtsphilosophen kritisiert. Diese Kritik wurde jedoch ebenfalls, unter anderem als Misinterpretation Kants, kritisiert (Müller 2022, Baranzke & Ingensiep 2023) - siehe unten:

"[...] even animal ethicists who are regarded as Kantian deontologists, such as the animal rights philosopher Tom Regan or Christine Korsgaard, incorrectly doubt that Kant has forbidden cruelty to animals for the sake of themselves. [...]
[...]
[...] Kant subsumed the prohibition of cruelty to animals under the duty class of ‘perfect duties to oneself’ and not ‘directly’ to animals, because non-rational beings cannot be assumed as capable of being obligated [...]. Therefore, he based his prohibition of cruelty to animals on the ethical possibility that a human moral agent can oblige himself, with regard to sentient animals, to refrain from causing unnecessary pain. That means: Kant has forbidden cruelty to animals for the sake of the individual sentient animal, because it is the one who suffers pain." (Baranzke & Ingensiep 2023)

In einem Buchkapitel von 2024 heißt es:

"[...] Der Kompromiss, den er mit sich selbst schließt, ist, dass Pflichten gegenüber Tieren lediglich indirekt bestehen, als Pflichten gegenüber Menschen: Tiere sollen nicht um ihrer selbst willen vor Grausamkeit durch den Menschen geschützt werden, sondern lediglich, um Grausamkeit gegen Menschen zu verhindern. Der Tierschutz soll gewissermaßen als Übungsfeld für Tugenden gelten, die ihre eigentliche Bestimmung im Umgang mit Menschen haben. Die von Kant angeführten Beispiele für Grausamkeit gegen Tiere sprechen allerdings eine andere Sprache. Sie zeigen, dass Kant als Person sehr wohl an den Tieren um ihrer selbst willen gelegen ist. Dazu gehört etwa seine Verurteilung unnötiger Vivisektionen in der Wissenschaft (Kant 1907/14, 443), die kaum weniger sarkastisch ausfällt als die Schopenhauers (1988, 161 f.), aber auch seine Bemerkungen zur Dankbarkeit gegenüber Haustieren in der Vorlesung über Ethik:

Wenn z. E. ein Hund seinem Herren sehr lange treu gedient hat, so ist das ein Analogon des Verdienstes, deswegen muss ich es belohnen und den Hund, wenn er nicht mehr dienen kann, bis an sein Ende erhalten. [...] Je mehr man sich mit der Beobachtung der Tiere und ihrem Betragen abgibt, desto mehr liebt man die Tiere, wenn man sieht, wie sehr sie für ihre Jungen Sorge tragen. Alsdann kann man auch nicht gegen den Wolf grausam denken. Leibniz setzte das Würmchen, welches er beobachtet hatte, wieder mit dem Blatt auf den Baum, damit es nicht durch seine Schuld zu Schaden käme. Es tut dem Menschen leid, ein solches Geschöpf ohne Raison zu zerstören, als ein Spiel. (Kant 1990, 256) [...]" (Birnbacher 2024)


Kant in "Die Metaphysik der Sitten":

Untenstehend auf jeden Fall das Originalzitat, allerdings in modernem Deutsch. Kant schrieb noch von "Thieren", "Tödtung" und "Speculation" (siehe Fotos des Originaltexts unten).

"

§ 17.

In Ansehung des Schönen obgleich Leblosen in der Natur ist ein Hang zum bloßen Zerstören (spiritus destructionis) der Pflicht des Menschen gegen sich selbst zuwider; weil es dasjenige Gefühl im Menschen schwächt oder vertilgt, was zwar nicht für sich allein schon moralisch ist, aber doch diejenige Stimmung der Sinnlichkeit, welche die Moralität sehr befördert, wenigstens dazu vorbereitet, nämlich etwas auch ohne Absicht auf Nutzen zu lieben (z. B. die schöne Kristallisationen, das unbeschreiblich Schöne des Gewächsreichs).
In Ansehung des lebenden, obgleich vernunftlosen Teils der Geschöpfe ist die Pflicht der Enthaltung von gewaltsamer und zugleich grausamer Behandlung der Tiere der Pflicht des Menschen gegen sich selbst weit inniglicher entgegengesetzt, weil dadurch das Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abgestumpft und dadurch eine der Moralität, im Verhältnisse zu anderen Menschen, sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird; obgleich ihre behende (ohne Qual verrichtete) Tötung, oder auch ihre, nur nicht bis über Vermögen angestrengte, Arbeit (dergleichen auch wohl Menschen sich gefallen lassen müssen) unter die Befugnisse des Menschen gehören; da hingegen die martervolle physische Versuche, zum bloßen Behuf der Spekulation, wenn auch ohne sie der Zweck erreicht werden könnte, zu verabscheuen sind. – Selbst Dankbarkeit für lang geleistete Dienste eines alten Pferdes oder Hundes (gleich als ob sie Hausgenossen wären) gehört indirekt zur Pflicht des Menschen, nämlich in Ansehung dieser Tiere, direkt aber betrachtet ist sie immer nur Pflicht des Menschen gegen sich selbst."






Zu finden in:

Immanuel Kant:
Die Metaphysik der Sitten
   Zweiter Teil.
      Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre
         I. Ethische Elementarlehre
            I. Teil. Von den Pflichten gegen sich selbst überhaupt
               Erstes Buch. Von den vollkommenen Pflichten gegen sich selbst
                  Zweites Hauptstück. Die Pflicht des Menschen gegen sich selbst, bloß als einem moralischen Wesen
                     2. Abschnitt. Von dem ersten Gebot aller Pflichten gegen sich selbst
                        Episodischer Abschnitt. Von der Amphibolie der moralischen Reflexionsbegriffe
                           § 17