Leonard Nelson: Vegetarier und Tierrechtler (1926)

Laut Wikipedia: 1922

Leonard Nelson war ein Mathematiker und Philosoph an der Universität Göttingen, Sozialist, Vegetarier und, man kann es so nennen, Tierrechtler. Im November 1925 aus der SPD ausgestoßen, gründete Nelson mit seinen Verbündeten den Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) als eigene Partei.

Schon zumindest in den 1990er-Jahren war in der deutschsprachigen Tierrechtsszene - dank Tierrechts-Aktion-Nord (aus Hamburg), falls ich mich recht entsinne - ein bestimmtes, recht markantes Zitat von Nelson bekannt, in dem er die Ausbeutung von Tieren in den Kontext von Ausbeutung im Allgemeinen stellt.

Ursprünglich stammt das Zitat von 1926. Der Titel des Textes, dem es entstammt, ist "Lebensnähe". Zuerst erschienen ist es in zwei Heften des ISK (Mitteilungsblatt des Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes, Jahrgang 1, Heft 3 und 5, vom März und Mai 1926, dort mit dem Untertitel: „Aus einer Rede, gehalten vor der Casseler Arbeiterschaft“ [Kassel hieß bis 1926 Cassel.]). Nelson plante, den Text "Lebensnähe" unter dem Titel „Das zerschnittene Tischtuch. Sozialismus oder Demokratie?“ neu zu veröffentlichen. Das konnte er leider nie verwirklichen. Er starb 1927 an Lungenentzündung. Leonard Nelson ist auf dem Jüdischen Friedhof in Melsungen (Hessen) begraben.

Im Folgenden das Zitat aus "Lebensnähe" (1926). Im selben Text findet sich auch die Information, dass der ISK Vegetarismus, Alkohol-Abstinenz und den Kirchenaustritt forderte.

Lebensnähe (1926)

„[...]
Ein Arbeiter, der gegen die Ausbeutung kämpfen will, darf aber erst recht nicht selbst an der Ausbeutung teilnehmen. Auch ein Arbeiter kann, und zwar in verschiedenen Formen, an der Ausbeutung teilnehmen. Er kann das als Streikbrecher, er kann das durch Propaganda für Kolonialpolitik, er kann das auch, indem er seine Frau und seine Kinder prügelt. Ja er kann das in einer noch viel schlimmeren Weise. Er kann das, indem er dasselbe, was der Kapitalist mit ihm macht, mit denen tut, die sich gegen ihn noch viel weniger wehren können als er gegen den Kapitalisten, – die die Allerwehrlosesten sind, die sich nie durch Koalition zusammentun können, um allmählich ihre Rechte in einem Klassenkampf zu erobern. Ein Arbeiter, der nicht nur ein „verhinderter Kapitalist“ sein will, und dem es also Ernst ist mit dem Kampf gegen jede Ausbeutung, der beugt sich nicht der verächtlichen Gewohnheit, harmlose Tiere auszubeuten, der beteiligt sich nicht an dem täglichen millionenfachen Tiermord, der an Grausamkeit, Roheit und Feigheit alle Schrecknisse des Weltkrieges in den Schatten stellt.
Das sind Angelegenheiten, Genossen, die entziehen sich der Abstimmung. Entweder soll man diese Forderungen stellen, oder man soll es unterlassen. Entweder man will gegen die Ausbeutung kämpfen, oder man läßt es bleiben. Aber wer als Sozialist über diese Forderungen lacht, der weiß nicht, was er tut. Der beweist, daß er nie im Ernst bedacht hat, was das Wort „Sozialismus“ bedeutet.
[...]“  
(zitiert nach: Mitteilungsblatt des Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes, Jahrgang 1, Mai 1926, Heft 5, Seite 81)

(Auch zu finden in: Leonard Nelson (1972), Gesammelte Schriften IX, Recht undStaat, Seite 375/376.)