B12 - Vegane Babys und Kleinkinder (von Jack Norris)

This article in the English original: Vegan Infants & Toddlers


Zusammenfassung: Babys, die von veganen Mütter gestillt werden, die ihre Ernährung mit B12 ergänzen, und Babys, die B12 durch angereicherte Nahrungsmittel oder Vitaminpräparate erhalten, entwickeln sich normal. Babys, die von veganen Mütter, die ihre Ernährung nicht mit B12 ergänzen, gestillt werden und die keine mit B12 angereicherten Nahrungsmittel oder Vitaminpräparate erhalten, entwickeln oft einen ernsthaften B12-Mangel und neurologische Funktionsstörungen.

Schwangerschaft
Während der Schwangerschaft wird B12 von der Plazenta zum Fötus transportiert, was die B12-Speicher der Mutter abbauen kann, falls sie kein B12 durch ihre Ernährung zu sich nimmt (1).


Das Säuglingsalter ist eine entscheidende Zeit.
Beim Abstillen ist es äuβerst wichtig sicherzustellen, dass vegane Säuglinge reichlich B12 zu sich nehmen, da in einer Studie mit veganen, makrobiotisch ernährten Kindern (2) niedrige B12-Werte zur Zeit des Abstillens mit verzögertem Wachstum in Verbindung gebracht wurden.

Im Gegensatz zum normalen Speicher von 2000-3000 µg B12 bei Erwachsenen, haben neugeborene Babys (von Müttern mit normalem B12-Speicher) einen Speicher von nur 25 µg im Körper. Die B12-Speicher, die Babys bei der Geburt haben, sind normalerweise groβ genug, um für die ersten paar Wochen des Lebens auszureichen (1) – danach muss ein Baby B12 durch Muttermilch oder aus anderen Quellen erhalten. Studien haben gezeigt, dass das Kolostrum (Vormilch) und/oder die Milch während der ersten Lebenswoche gröβere Mengen an B12 enthält (bis zu 2421 pg/ml) als die Milch zu einem späteren Zeitpunkt (3). B12 in der Muttermilch hängt mehr mit der gegenwärtigen B12-Zufuhr zusammen als mit den B12-Speichern der Mutter (4). Die Serum-B12-Werte gesunder, nicht-vegetarischer Babys nehmen bis zum Alter von sechs Monaten konstant ab (5) – danach nehmen sie wieder zu.

Falls die Mutter während der Schwangerschaft einen B12-Mangel hat, kann das Baby niedrige B12-Werte haben – und es gibt Fälle von Babys, die klinische Syptome eines B12-Mangels entwickelten - das jüngste von ihnen im Alter von nur zwei Wochen (6). Bei der Geburt haben diese Neugeborenen typischerweise höhere B12-Werte als ihre Mütter und zeigen üblicherweise keine Symptome eines Mangels (5).
Minet et al. (7) (2000, Schweiz) stellte fest, dass niedrige Serum-B12-Werte (und Serum-Folat-Werte) bei anscheinend gesunden Babys mit erhöhten Homocysteinwerten in Verbindung standen. Viele Babys mit Serum-B12 im unteren Normalbereich hatten erhöhte Homocysteinwerte. Babys, die gestillt wurden, hatten deutlich niedrigere B12-Werte und deutlich höhere Homocysteinwerte als Babys, die eine mit B12 angereicherte Säuglingsmilchnahrung erhielten. Das bedeutet nicht, dass es besser wäre einem Baby Säuglingsnahrung zu geben anstatt es zu stillen, da das Stillen viele Vorteile hat. Vielmehr zeigt dies, dass B12 sogar in der nicht-vegetarischen Bevölkerung bei Säuglingen ein Problem sein kein – und stillende Mütter sollten eventuell ein B12-Präparat einnehmen und/oder ihrem Babys eines geben.

In seltenen Fällen können Babys Cyanocobalamin nicht in eine aktive Form von Vitamin-B12 umwandeln - und für sie sind Cyanocobalamin-Präparate deshalb nicht ausreichend (7). Diese Säuglinge brauchen ärztliche Behandlung.

Babys veganer Mütter, die kein B12-Präparat zu sich nehmen
Seit 1980 – die weiter unten beschriebenen Black Hebrews nicht miteingerechnet - gibt es mindestens 30 Berichte von äuβerst gravierendem B12-Mangel bei Babys von veganen Müttern, die auschlieβlich oder fast ausschlieβlich von Muttermilch ernährt wurden. Dies kam nur vor, wenn die Mutter weder zusätzliches B12 einnahm noch ihrem Baby zusätzliches B12 gab. In vielen Fällen gehörte die Mutter zu einer Subkultur, in der die Menschen nicht an die zusätzliche Einnahme von Ergänzungspräparaten „glauben“. Es wurde beobachtet, dass ein B12-Mangel in der Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft einen gravierenden Myelinmangel im Nervengewebe verursacht (8).

Der Anhang Vegane Babys und Kleinkinder mit B12-Mangel listet die Fälle seit 1981 auf, in denen Babys veganer Mütter einen B12-Mangel erlitten. In allen Fällen sind die Babys bis zum Alter von einem bis zwölf Monaten gesund, wonach sie an Gedeihstörung leiden und Rückschritte in der Entwicklung zeigen. Sie sind teilnahmslos, verlieren die Fähigkeit ihre Muskeln richtig zu benutzen und verlieren manchmal teilweise ihr Tastgefühl. Sie haben normalerweise makrozytäre Anämie, was in der Kindheit ungewöhnlich ist und deren Ursache normalerweise ein Nährstoffmangel und keine angeborene Krankheit ist (9).


Die Black Hebrews (Black Hebrew Israelites)
Zmora et al. (10) (1979, Israel) dokumentierten verschiedene Nährstoffmängel in vier Babys der veganen, religiösen Gemeinschaft Black Hebrews. Die Black Hebrews stammen ursprünglich aus den USA. Die Babys erhielten bis zum Alter von drei Monaten Muttermilch. Danach wurde die Muttermilch mit extrem kalorienarmen Zubereitungen ergänzt oder dadurch ersetzt. Jedes der Babys litt unter schwerer Unterernährung mit Mangel an Protein und Kalorien, schwerer Rachitis [Knochenweiche], Osteoporose, B12-Mangel und anderen Mängeln. Ein Baby starb, während drei andere nach der Behandlung wieder gesund wurden.
Nachdem die Babys aus dem Krankenhaus entlassen worden waren, akzeptierte die religiöse Gemeinschaft eine Abänderung der Ernährungsweise der Babys, die ihre vegetarische Lebensanschauung nicht verletzte. Sie lehnten es jedoch ab, ihren Babys regelmäβig B12 zu geben.
Shinwell & Gorodischer (11) (1982, Israel) dokumentierten ebenfalls Fälle in einer religiösen Gemeinschaft der Black Hebrews. Die Babys wurden drei Monate lang gestillt - danach wurden sie ab einem Alter von drei Monaten bis zu einem Jahr hauptsächlich mit einer verdünnten, selbst zubereiteten Sojamilch gefüttert. 25 Babys zeigten Anzeichen für eine Protein- und Kalorienunterernährung, Eisen- und B12-Mangel-Anämie, Rachitis, Zinkmangel und mehrere immer wiederkehrende Infektionen. Drei der Babys waren bei der Ankunft im Krankenhaus tot. Fünf weitere starben trotz Behandlung innerhalb weniger Stunden nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus. Die Serum-B12-Werte waren in neun der 15 Fälle niedrig (In drei Fällen waren die Werte überhaupt nicht nachweisbar.). 
Shinwell und Gorodischer berichteten: „Trotz taktvollem aber beharrlichem Kontakt mit den führenden und für Gesundheit verantwortlichen Personen der Gemeinschaft während dieser Zeit, konnte keine Veränderung in der bisherigen Art der Säuglingsernährung erreicht werden.“

Der von den führenden Personen der Black Hebrews angebene Grund für die Vorenthaltung von Vitaminpräparaten war:
„Wenn der Organismus einer Kuh fortbestehen kann, indem er allein pflanzliche Nahrung zu sich nimmt, warum sollte der menschliche Organismus dann künstliche Vitamine, tierische Produkte und Medikamente brauchen?“


Behebung von B12-Mangel bei Säuglingen
Obwohl gezeigt wurde, dass die Verabreichung von B12-Präparaten zu einer raschen Verbesserung der Laborwerte dieser Babys führte, besteht Besorgnis über deren langfristige Entwicklung.

Von Schenck (12) (1997, Deutschland) wertete 25 Berichte von B12-Mangel bei Säuglingen aus, die in der wissenschaftlichen Literatur veröffentlicht worden waren. Von den 25 Fällen wurden 13 veganen Müttern zugeordnet (Neun dieser Fälle ereigneten sich seit 1980 und sind in der Auflistung Vegane Babys und Kleinkinder mit B12-Mangel enthalten.). Von den sieben Veganern, deren Fälle weiterverfolgt worden waren, zeigten fünf krankhafte neurologische Entwicklung bei ihrer letzten Nachfolgeuntersuchung (26 Monate, 26 Monate, 2 Jahre, 5 Jahre bzw. 12 Jahre nach der Diagnose). Zwei zeigten bei ihren Untersuchungen normale Entwicklung (nach 13 Monaten bzw. 2 Jahren).

Von Schenck: „Bemühungen sollten deshalb darauf ausgerichtet sein, Mängeln bei schwangeren und stillenden Frauen, die sich vegan ernähren, und ihren Babys vorzubeugen. Wenn Veränderungen der Ernährung für die Eltern nicht akzeptabel sind, sind Vitamin-B12-Präparate unbedingt notwendig.“

Grattan-Smith et al. (13) (1997, Australien) dokumentierten die Fälle von drei Babys veganer Mütter, die Muskelzucken und/oder Symptome ähnlich eines epileptischen Anfalls zeigten, als man sie mit Vitamin B12 in einer Dosis von 500 µg oder mehr behandelte. Andere Säuglinge entwickelten ein Zittern bei Dosen von 300 µg. Grattan-Smith et al. erklärten, dass es in Fällen von Nährstoffmängeln bei Säuglingen unnötig erscheint, solch hohe Dosen von B12 zu verabreichen.

Interessanterweise dokumentierte Goraya (14) (1998, Indien), dass in Indien bei vielen Säuglingen das sogenannte „Säuglings-Tremor-Syndrom“ [“infantile tremor syndrome”] vorkommt. Es kommt bei ausschlieβlich gestillten Säuglingen in schlechten sozioökonomischen Verhältnissen vor. Dokumentierter B12-Mangel, megaloblastische Anämie und eine positive Reaktion auf B12-Therapie wurden bei manchen, aber nicht allen, Patienten beobachtet.


Vegane Säuglinge, die ein B12-Präparat zu sich nehmen

In deutlichem Gegensatz dazu untersuchten Sanders (15) (1988, Vereinigtes Königreich) das Wachstum und die Entwicklung von 37 veganen Kindern. Alle wurden die ersten sechs Monate – und in den meisten Fällen bis weit ins zweite Jahr – gestillt. Die Mehrheit dieser Kinder wuchsen und entwickelten sich normal. Sie waren tendenziell etwas kleiner und leichter als die Durchschnittsbevölkerung. Kalorien-, Kalzium- und Vitamin-D-Zufuhr waren bei den meisten unterhalb der empfohlenen Tagesdosis. Ihre Ernährungsweise war im Allgemeinen ausreichend, wobei ein paar Kinder eine niedrige Riboflavin- [Vitamin B2] und B12-Zufuhr hatten. Die meisten der Eltern wussten, dass sie ihre Ernährungsweise mit B12 ergänzen mussten.

Sanders kam zu dem Schluss, dass, sofern man sorgfältig genug vorgeht, eine vegane Ernährung normales Wachstum und normale Entwicklung fördern können. In einem anderen Bericht (16) weist Sanders darauf hin, dass man viele potenzielle Risiken veganer Ernährungsformen vermeiden kann, indem man nach der Entwöhnung mit Kalzium und Vitamin B12 angereicherte Sojamilch verwendet. 
Fulton et al. (17) (1980, USA) untersuchten 48 Kinder im Vorschulalter zwischen zwei und fünf Jahren, die von Geburt an vegan ernährt worden waren. Sie lebten in einer veganen Kommune in Tennessee namens The Farm, in der die dort verwendete Sojamilch mit B12 angereichert wurde: 6,25 µg pro ca. 240 ml Sojamilch [8 fl oz (US) = 236.588 ml]. Sie konsumierten auch zusätzlich Hefeflocken, die 2,0 µg B12 pro Esslöffel enthielten und die sie als Würze für verschiedene Gerichte verwendeten. B12-Werte wurden nicht gemessen aber es wurde von keinen Fällen eines sichtbaren B12-Mangels berichtet.


Quellenangaben

1. Kuhne T, Bubl R, Baumgartner R. Maternal vegan diet causing a serious infantile neurological disorder due to vitamin B12 deficiency. Eur J Pediatr. 1991 Jan;150(3):205-8.
2. Schneede J, Dagnelie PC, van Staveren WA, Vollset SE, Refsum H, Ueland PM. Methylmalonic acid and homocysteine in plasma as indicators of functional cobalamin deficiency in infants on macrobiotic diets. Pediatr Res. 1994 Aug;36(2):194-201.
3. Specker BL, Black A, Allen L, Morrow F. Vitamin B-12: low milk concentrations are related to low serum concentrations in vegetarian women and to methylmalonic aciduria in their infants. Am J Clin Nutr. 1990 Dec;52(6):1073-6.
4. Food and Nutrition Board, Institute of Medicine. Dietary Reference Intakes for Thiamin, Riboflavin, Niacin, Vitamin B6, Folate, Vitamin B12, Pantothenic Acid, Biotin, and Choline. Washington, DC: National Academy Press; 2000.
5. Messina M, Messina V. The Dietitian's Guide to Vegetarian Diets. Gaithersburg, MD: Aspen Publishers, Inc., 1996.
6. Drogari E, Liakopoulou-Tsitsipi T, Xypolyta-Zachariadi A, Papadellis F, Kattamis C. Transient methylmalonic aciduria in four breast fed neonates of strict vegetarian mothers in Greece. Journal of Inherited Metabolic Disease. 1996 19S:A84. (Abstract)
7. Minet JC, Bisse E, Aebischer CP, Beil A, Wieland H, Lutschg J. Assessment of vitamin B-12, folate, and vitamin B-6 status and relation to sulfur amino acid metabolism in neonates. Am J Clin Nutr. 2000 Sep;72(3):751-7.
8. Lovblad K, Ramelli G, Remonda L, Nirkko AC, Ozdoba C, Schroth G. Retardation of myelination due to dietary vitamin B12 deficiency: cranial MRI findings. Pediatr Radiol. 1997 Feb;27(2):155-8.
9. Davis JR, Goldenring J, Lubin B. Nutritional vitamin B12 deficiency in infants. Am J Dis Child. 1981(Jun);135:566-7.
10. Zmora E, Gorodischer R, Bar-Ziv J. Multiple nutritional deficiencies in infants from a strict vegetarian community. Am J Dis Child. 1979 Feb;133(2):141-4.
11. Shinwell ED, Gorodischer R. Totally vegetarian diets and infant nutrition. Pediatrics. 1982 Oct;70(4):582-6.
12. von Schenck U, Bender-Gotze C, Koletzko B. Persistence of neurological damage induced by dietary vitamin B-12 deficiency in infancy. Arch Dis Child. 1997 Aug;77(2):137-9.
13. Grattan-Smith PJ, Wilcken B, Procopis PG, Wise GA. The neurological syndrome of infantile cobalamin deficiency: developmental regression and involuntary movements. Mov Disord. 1997 Jan;12(1):39-46.
14. Goraya J. letter about Persistence of neurological damage induced by dietary vitamin B-12 deficiency. Arch Dis Child. 1998;78(4):398-9.
15. Sanders TA. Growth and development of British vegan children. Am J Clin Nutr. 1988 Sep;48(3 Suppl):822-5.
16. Sanders TA. Vegetarian diets and children. Pediatr Clin North Am. 1995 Aug;42(4):955-65.
17. Fulton JR, Hutton CW, Stitt KR. Preschool vegetarian children. Dietary and anthropometric data. J Am Diet Assoc. 1980 Apr;76(4):360-5.

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